Rez.: Authentizität im Serienmörderfilm
Stefan Höltgen behandelt in seinem Band „Schnittstellen“ die Authentizität im Serienmörderfilm.
Stefan Höltgen: Schnittstellen – Serienmord im Film. Marburg: Schüren 2010. (=Marburger Schriften zur Medienforschung 16)
Eine Vorabrezension von Petra Heupel
Auf den ersten Blick wirkt er – rein äußerlich betrachtet – „normal“ und unauffällig. Aber in seinem Innersten ruht eine abnorme Persönlichkeit. Der Serienmörder erfährt seine höchste Befriedigung durch das Töten, seine Taten sind bestialisch, seine Handschrift ist individuell und das macht ihn unverwechselbar. Spätestens seit Jack the Ripper in London sein Unwesen trieb, üben Verbrechen und Gewalt neben Angst und Schrecken auch eine gewisse Faszination auf die Gesellschaft aus. Gerade die heutige mediale Berichterstattung lässt den Betrachter intensiver am Geschehen teilhaben. Aber es sind nicht die Opfer, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern der Täter, da von ihm ein besonderes Faszinosum auszugehen scheint.
Der Serienmörder findet sich, meist in „ästhetisierter Form“ (Zitate im Folgenden, wenn nicht anders vermerkt: Stefan Höltgen), in vielen Bereichen wieder: in der Literatur, dem Film, der Kunst, aber auch in der Realität. Er ist also kein rein fiktives Geschöpf, sondern eine reale Person, deren Geschichte häufig der Fiktion als Vorlage dient. Dieses ästhetische Moment sowie die Frage nach der Handlungsvorlage unter Berücksichtung von Fakt und Fiktion sind nur einige der Untersuchungsgegenstände in Höltgens aktuellem Buch „Schnittstellen – Serienmord im Film“, welches sich mit dem authentischen Serienmörderfilm auseinandersetzt. Wie ist der Begriff der „Authentizität“ in diesem Kontext zu verstehen? Laut Höltgen deutet der Authentizitätsbegriff im filmischen Zusammen-hang nicht auf die Darstellung einer außermedialen Realität hin, sondern diese konstituiert sich auf einen Realitätseindruck, der auf einem ästhetischen Prozess beruht. Neben einer historischen Diskursanalyse bietet dieses Buch einen umfassenden Überblick des authentischen Serienmörderfilms unter Bezugnahme von kriminologischen und medienwissenschaftlichen Aspekten und diskutiert die Frage der Authentizitätsbestimmung und deren Wirkungsweise auf den Zuschauer, die sowohl auf der bewussten oder unbewussten Ebene durch verschiedene ästhetische Attribute angesprochen und definiert wird.
Die Quintessenz des Buches beruht auf dem filmanalytischen Teil. 37 ausgewählte Serienmörderfilme werden in einer komplexen und chronologischen Darstellung der Motiv- und Diskursgeschichte der frühen, klassischen, modernen und postmodernen Phase erörtert, die sowohl auf fiktiven als auch kriminalhistorischen Gegebenheiten basieren; hervorzuheben ist das Faktum, dass in Höltgens Buch Filme Erwähnung finden, die bislang noch nicht wissenschaftlich untersucht wurden.
Einer der diskutierten Filme ist Hitchcocks’ Klassiker „Psycho“. Allein der Titel dieses Films projiziert das Bild des Killers auf den Protagonisten. Was macht diesen Film so einzigartig und welche Wirkung übte er seinerzeit auf das Publikum aus? Diesen Fragen geht Höltgen detailliert in seiner Analyse auf den Grund. „Psycho“ statuiert ein Exempel der modernen Phase des Serienmörderfilms, der – bedingt durch den aufkommenden medialen Wandel – als Bindeglied zwischen der klassischen und der modernen Phase deklariert wird. Höltgens Argumentation basiert darauf, dass der Film altbekannte Motive und Strukturen des Grusel- und Horrorkinos aufweist, jedoch durch seine neuen Erzähl- und Darstellungstechniken den Zuschauer überrascht. Die inhärente „Schock-Ästhetik“ des Films fließt, ebenso wie die kritischen Rezensionen seiner Zeit, in die technische Analyse ein und sublimiert diese.
Im Anschluss an den filmanalytischen Teil werden einige der bereits untersuchten Filme erneut aufgegriffen und dienen als Grundlage einer strukturierten Diskursanalyse, die unter anderem die Aspekte der Bild- und Erzählmotive, der Intertextualität unter Berücksichtigung der Film- und Kunstgeschichte sowie die Auswirkungen der technischen Entwicklung auf den Film aufführt. Ebenso weist diese Analyse interessante Betrachtungsweisen der Rezeptions- und Erwartungshaltungen sowie der Zensur auf.
Auf der Basis seiner Dissertation („Schnittstellen – Die Konstruktion von Authentizität im Serienmörderfilm“, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 2009) wurde der Text für diese Ausgabe neu überarbeitet und durch farbige Abbildungen nebst einem Titel- und Personenregister ergänzt.
Ein empfehlenswertes Buch für Kenner und Serienmörderfilm-Interessierte. Einsteiger sollten sich jedoch darauf einlassen, dass sie ein wissenschaftliches Buch in Händen halten, welches nicht dem reinen Unterhaltungswert dient.
Der Band erscheint im Frühjahr 2010 bei Schüren (Marburg).
Mehr Informationen zu diesem Titel gibt es auf der Verlagshomepage.









[...] ist die erste (Vorab-)Rezension zu meiner Dissertation im Caligari-Magazin [...]